Es gibt auch biblische Texte, die würde man am liebsten auf sich beruhen lassen

Gepostet am

Bischof Oliver Gehringer

Es gibt auch biblische Texte, die würde man am liebsten auf sich beruhen lassen und nicht weiter darüber nachdenken. Am besten einfach mit einem Kopfschütteln lesen, überlesen und dann abhaken. Nicht, weil sie mit dem Glauben nichts zu tun hätten, sondern weil sie, für das heutige Verständnis nicht nachvollziehbar sind, eine Theologie beschreiben, die so nicht mehr anwendbar, oder aufgrund neuer Erkenntnisse und Erfahrungen überholt ist. Es wird oft eine martialische Rhetorik verwendet, die eher Beunruhigung verursacht, als Vertrauen erweckt, und sicher nie im Sinne Gottes ist. Solche Aussagen wie: der Kampf gegen die Sünde mit Widerstand „bis aufs Blut“, oder die oft zitierten „Lieblingszeilen“ schwarzer Pädagogik: „Wen der Herr liebt, den züchtigt er; er schlagt mit der Rute jeden Sohn, den er gern hat!“, rufen Erinnerungen an kirchliche „Steinzeit“ wach. Noch nicht sehr fern ist die Vergangenheit, in der (auch kirchliche) Pädagogen solche Sätze allzu wörtlich nahmen. Heimkinder oder Schüler der 50er-, 60er- und 70er-Jahre können ein bitteres Lied davon singen. Auch die jüngeren Ereignisse religionsmotivierter Attentäter sind noch mit ihren Bildern in weniger guter Erinnerung. Umso wichtiger ist es, die Bibelstellen zu kennen, die solchen Terror an Kinderseelen oder „Andersgläubigen“ rechtfertigen sollten. Aber was bleibt dann von diesen belasteten Texten und wozu sind sie gut? Sie sollen uns heute zur Einsicht führen und uns mahnend erinnern, dass wir auch Menschen sind mit „wankenden Knien“ und „lahmen Gliedern“; Menschen, die schlapp machen im Guten und im geistlichen Leben; Menschen, die darauf angewiesen sind, dass ein anderer ihnen in aller Freundschaft gelegentlich Dinge sagt, die sie nicht gern hören, dass aber niemand das Recht hat, einen anderen an Gottes statt zu züchtigen, schon gar nicht aus Liebe. Sie sollen uns die Erkenntnis vermitteln, dass es auch heute noch eine Theologie gibt, die am Glauben vorbei geht, weil sie sich nicht weiterentwickelt hat, noch im „dunklen Mittelalter“ steckt, und den Bezug zum Menschen und die Beziehung zu Gott verloren hat. Und dass es immer wieder notwendig ist, Lehrmeinungen, Anweisungen, Gesetze und Vorschriften auf ihre Anwendbarkeit im konkreten Leben und auf ihre Aktualität hin zu überprüfen und zu korrigieren. Wenn Theologie und Kirche eine Zukunft haben will, dann muss sie wieder zum Ursprung, zu Gott zurück kehren, und sich von ihrer Machtgier und Einflussnahme trennen. Sie muss wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen, und nach innen und außen leben, was sie verkündet. Alles andere hat weder Wert noch Sinn, und nichts mit dem Glauben zu tun! (BOG)

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