Manche Texte der Bibel klingen hoffnungslos

Gepostet am

Bischof Oliver Gehringer

Manche Texte der Bibel klingen hoffnungslos, und werden gerne im kirchlichen Leben und in vielen frommen Kreisen fast ganz ausgeblendet, oder in kirchen- und glaubensfernen Kreisen dafür verwendet, Gottes Gegenwart und seine Wirklichkeit zu leugnen oder klein zu machen. Dennoch sind auch solche Textstellen wichtig und wertvoll, für den Glauben, auch für die Hoffnung und für die Liebe, vor allem aber, für die Beziehung zu Gott und den Umgang miteinander. Solche Passagen führen einem, auf eine sehr eindrucksvolle Weise, eine Seite Gottes vor Augen, den sogenannten „numinosen“ Aspekt Gottes. Rudolf Otto hat den Begriff „Numen“ (lat. Wink, Wille, göttlicher Wille) bzw das „Numinose“ aus dem Lateinischen entlehnt, um das Göttliche, das Wunder des Seins zu beschreiben, losgelöst von allen Assoziationen, die von Wörtern der „natürlichen“ Sprache ausgehen. So ist der numinose Aspekt Gottes, außerhalb der menschlichen Realität, und kann deshalb weder bewiesen noch widerlegt werden. Es lässt sich nur durch dessen Erkenntnis erfahren, und zwar entweder als Furcht oder als Anziehung. So nahe Gott den Menschen durch seine Menschwerdung auch gekommen ist, hat er dennoch auch eine unentdeckte, unfassbare, unbegreifliche und manchmal auch unverständliche Seite. Er sprengt alle menschlichen Vorstellungen und ist deshalb auch nicht immer zu verstehen. Offensichtlich muss der Mensch, bis er gelernt hat, sich ganz auf Gott einzulassen, was immer auch geschieht, die Spannung zwischen dem kindlichen Vertrauen auf ihn und die „Ehr-Furcht“ vor ihm, im streng buchstäblichen Sinn dieses Wortes, aushalten. Gott ist eben nicht nur der „liebe Gott“ und „unser Freund“, der „Wünscheerfüller“ und „Wundenheiler“, sondern auch der immer ganz Andere. Sogar Jesus, der ihn mit „Abba“, Vater, anreden konnte und uns diese Anrede beibrachte, schrie zum Himmel, weil er ihn am Ende seines menschlichen Lebens als unendlich weit fort erleben musste, wie wir auch so manches mal. Wenn die Hoffnung schwindet, dann schwindet auch der Glaube, das Vertrauen und die Liebe, man verliert die Beziehung zu Gott und letztlich auch sich selbst. Nur wer, trotz aller schweren Zeiten und schmerzlichen Situationen, sich die Hoffnung erhält, auf den Glauben baut, und die Liebe lebt, wer Gott einfach ganz und gar vertraut, der wird auch dann nicht mutlos in Angst und Zweifel versinken, wenn alles verloren scheint, sondern freudig erwarten, was Gott einem dafür schenken will! (BOG)

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